Dienstag, 22. Februar 2011

Moralist, nicht integer: revisited!

Nachdem die Bisswunde an meinem Arm endlich verheilt war, hatte ich mir überlegt, nun doch nicht mehr durch den Stadtpark zu gehen. Es war einfach zu gefährlich. Da mir aber das Fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bekanntermaßen verboten wurde, aus Gründe, die nur aus einem großen Missverständnis resultierten, war ich geradezu zur Bewegungslosigkeit verdammt.

Da entschloss ich mich einfach dazu, die kleine Stadt zu verlassen und mein Glück in der großen Stadt zu suchen. Vieles würde anders sein: In der großen Stadt gäbe es zwar gewiss auch Hunde und Herrchen und ebenfalls öffentliche Verkehrsmittel, doch würde ich Letztere benutzen dürfen und das Zählwerk meiner selbst verschuldeten Vergehen auf Null zurückstellen können.

Die große Stadt hieß mich herzlich willkommen. Zumindest widerfuhr mir bei meiner Einbürgerung keine schlimmere Sache. Allmählich fasste ich Fuß und traute mich endlich, die U-Bahn des öffentlichen Nahverkehrs zu benutzen. Das war nun bitter nötig, da ich meinen Lebensunterhalt sichern musste. In der großen Stadt kann man jedoch nicht einfach zum Amt gehen, sondern muss, in Ermangelung eines KFZ, dorthin fahren. Ich musste meine Scheu und allen Argwohn ablegen.

Also versuchte ich recht freundlich drein zu schauen und es allen recht zu machen. Wer mir entgegen kam, dem wich ich aus. Und wer eine kleine Spende wollte, dem gab ich etwas von meinen spärlichen Mitteln. Man will ja kein Unmensch sein. Wobei ich die sogenannte kleine Spende relativ hoch fand. Aber in einer großen Stadt braucht man auch große Spenden. Dies erschien mir logisch und fair.

Am Ende bekam ich jedoch nie eine Zeitung wie versprochen. Trotzdem hätte ich nicht gedacht, dass man für 48 Stufen und 20 Meter so viel Zeit in Kauf nehmen muss. Dem Himmel sei Dank, dass ich, geprägt von meinen einschlägigen Erfahrungen mit Verspätungen, genügend Zeit eingerechnet hatte. Sollte alles nach Plan laufen, wäre ich eine Stunde vor meinem Termin beim Amt.

Wie es sich zeigte, tat ich gut daran. Denn IN die U-Bahn zu kommen, schien mir schwieriger, als HINAUS. In gebührendem Abstand platzierte ich mich also vor der Fahrgasttür. Die Leute strömten hinaus, und ungeduldigere Menschen schoben sich vor mich und drängten hinein. Am Ende war kein Platz mehr für mich. Ansonsten hätten die Fahrgäste aufrücken müssen. Aber wer bin ich, so etwas zu fordern? Ich wohne ja erst seit kurzem in der Stadt und habe noch nicht die vollen Rechte wie zum Beispiel jemand, der schon lange in der großen Stadt lebt oder gar in ihr geboren ist.

Dieser Umstand stellte sich jedoch als großes Glück heraus, da ich in der Aufregung, ausgelöst durch meine erste U-Bahn-Fahrt in der großen Stadt, von den vielen Menschen, denen ich auswich oder etwas Kleingeld gab und dem Gebaren der Fahrgäste, völlig vergessen hatte, einen Fahrschein zu lösen. Dies holte ich nach, musste mich aber zuerst einer fremd sprechenden Gruppe hintanstellen und danach noch ein paar besonders eilige Menschen vorlassen. Am Ende gelang es mir jedoch, bei einem freundlichen Menschen eine Fahrkarte zu erstehen, die freundlicherweise schon gestempelt war.

Dann gelang es mir endlich, in die U-Bahn einzusteigen. Zunächst musste ich eine ganze Weile stehen, doch das machte mir nichts. Ich lächelte den einen oder anderen Fahrgast an und grüßte ihn freundlich. Das scheint in der großen Stadt nicht üblich zu sein, denn die Leute grüßten nicht zurück. Sie lächelten auch gar nicht und drehten sogar ihren Kopf zur Seite. Womöglich hatte ich etwas Unangenehmes im Gesicht kleben, vielleicht hatte ich auch Mundgeruch. Sofort tastete ich mein Gesicht ab, konnte jedoch nichts finden. Dann hielt ich mir die Hand vor den Mund und atmete hinein. Ich konnte nichts Derbes riechen. Aber den eigenen Gestank kann man bekanntlich selber gar nicht riechen.

Um die Menschen in meiner näheren Umgebung nicht zu belästigen, versuchte ich die Luft lange einzuhalten und so selten wie möglich zu atmen. Dabei wurde mir schwindlig. Ich hätte mich am Liebsten hinsetzen wollen, so schwindlig war mir, doch das ging ja nicht, weil die äußeren Sitzplätze schon alle besetzt waren. Auf die Fensterplätze wollte ich mich erst gar nicht schummeln, die Leute hätte sonst ihre bequeme Sitzposition wegen mir aufgeben müssen. Zudem wollte ich sie nicht mit meinem Mundgeruch belästigen. Es war mir alles sehr unangenehm.

Dann endlich hätte ich umsteigen können, doch leider bin ich nicht rechtzeitig aus der U-Bahn heraus gekommen. Da lernte ich, dass dies beinahe genauso schwer war wie HEREIN zu kommen. Andererseits gelang den übrigen Fahrgästen beides in vollem Umfang. Wahrscheinlich lag dies daran, dass ich neu war und mich noch nicht so gut in der großen Stadt und den dortigen Sitten auskannte. Das war selbstverständlich mein Fehler: Was gehe ich auch immer so unvorbereitet aus dem Haus? Ich hätte es schließlich wissen müssen: Man soll sich die Sitten und Gebräuche derer, die man besucht, vorher aneignen!

An der nächsten Haltestelle gelang mir erfreulicher Weise der Ausstieg. Ich ging zum gegenüber liegenden Bahnsteig, um bei nächster Gelegenheit zurück zu fahren. Da standen schon viele Leute, die alle warteten. Ich war jedenfalls sehr vergnügt, da ich es bereits beim zweiten Versuch geschafft hatte, aus der Bahn zu steigen, so dass ich meinen Mundgeruch und den Schmutz in meinem Gesicht völlig vergessen hatte. In dieser Hochstimmung nahm ich ein kleines Mädchen wahr, höchstens zehn Jahre alt, alleine und mit Ranzen auf dem Rücken.

Ich ging zu ihm hin und grüßte es freundlich. Ich hatte dem Mädchen lediglich sagen wollen, dass ich es sehr mutig von ihr fände, ganz alleine mit der U-Bahn zu fahren. Ich fand das wirklich großartig, wie jemand so Junges mit etwas so Kompliziertem einfach zurecht kommt, wenn Erwachsene wie ich schon Probleme damit haben. Doch das Mädchen schaute mich nur erschrocken an und lief dann mit einem schrillen Quieken, ich kann es nicht anders sagen, weg. Da fiel mir ein, dass ich ja so argen Mundgeruch hatte und auch schmutzig im Gesicht war. Ich wäre auch schreiend  davon gelaufen, wenn mich so jemand angesprochen hätte.

Gleich darauf kamen allerdings ein paar Frauen und Männer auf mich zu und fragten harsch, was ich denn von dem kleinen Mädchen gewollt habe. Ich entgegnete ihnen, dass ich gar nichts von ihr wollte und dass ich kleine Mädchen eben gerne mag und deswegen nett zu ihnen bin. Das schien den Leuten nicht zu gefallen, und ich war etwas verwundert, dass man in dieser Stadt offenbar keine kleinen Mädchen mag. Da sagte ich der mittlerweile aufgebrachten Menge, dass es da, wo ich herkämme, ganz normal sei, kleine Mädchen zu mögen. Und da mir langsam dämmerte, was die Leute vor mir wirklich bewegte, fügte ich hinzu, dass man dort ebenfalls kleine Jungens möge. Es sei selbstverständlich, wenn Freunde und Verwandschaft ihre Kinder vorbei brächten und sie dann dort auch alleine ließen. Das mache doch den Kindern genauso viel Spaß wie den Erwachsenen.

Ich verstand dann nicht so richtig, warum die Leute mich plötzlich so beschimpften. Sie sagten Sachen zu mir, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Wohl aber möchte ich darauf hinweisen, dass mir ein besonders grober Mensch die Faust derart auf die Nase geschlagen hat, dass sie mir blutete. Und eine Dame schlug mir fortwährend ihre Tasche auf den Rücken. Ich wusste nicht wie mir geschah, ahnte aber, dass es besser wäre, die Flucht zu ergreifen. Dem Himmel sei Dank fuhr im selben Moment der Zug ein. Ich konnte mich gerade noch rechtzeitig in einen der hinteren Wagen absetzen, bevor die zuerst erstarrte und mir dann schleunigst hinterher eilende Menge nachfolgen konnte. Wütend trommelten sie an die Fahrgasttür, mit den immer selben Schimpfworten auf ihren Lippen, keifend, geifernd, hochrot erzürnt.

Erleichtert atmete ich auf. Um bei den übrigen Fahrgästen, die mich schon argwöhnisch beäugten, Wohlwollen zu erlangen, lächelt ich sogleich freundlich. Doch diese erschauerten nur vor mir und wichen aus. Um mich herum wurde getuschelt und einige Leute schienen mich mit Unbehagen zu betrachten. Aber immerhin hielten sie Abstand zu mir, und so konnte ich einfach dastehen, ohne sie mit meinem Blut zu bekleckern. Da bemerkte ich, wie sich mir zwei Personen von der Seite näherten. Als sie bei mir ankamen, fragten sie nach meinem Fahrschein, den ich ihnen augenblicklich zeigte. Man soll ja wegen mir keine Zeit verschwenden müssen. So dachte ich jedenfalls.

Sonntag, 17. Oktober 2010

Blockaden

Holz E. von Bald

Es hatte mit einer Schreibblockade zu tun. Seit Monaten nun brachte ich nichts mehr zu Papier. Nicht, dass ich keine Ideen mehr gehabt hätte. Davon gab es genug. Sie schienen mir sogar relevant zu sein. Doch irgend etwas hinderte mich daran, sie aufzuschreiben. Ich weiß nicht, was es war. Es hatte mit einer Schreibblockade zu tun. Seit Monaten nun brachte ich nichts mehr zu Papier. Nicht, dass ich keine Ideen mehr gehabt hätte. Davon gab es viele. Einige schienen sogar relevant zu sein. Doch irgend etwas hinderte mich daran, sie aufzuschreiben. Es hat wohl mit einer Schreibblockade zu tun. Seit Monaten bringst Du nun nichts mehr zu Papier, sagte mein wohlmeinender Freund. Es ist nicht so, dass ich keine Ideen mehr habe, entgegnete ich. Davon habe ich viele. Darunter sogar einige relevante.

Doch irgend etwas hindert Dich daran, sie aufzuschreiben. Aber ich kann Dir weiter helfen, sagte mein sich für gewöhnlich direkt vor meinen Augen materialisierender, aber immer wohlmeinender Freund. Er gab mir den Rat, einen Motivator aufzusuchen. Er wird Dir helfen, so wie er schon mir geholfen hatte und vielen anderen zuvor, die den Kopf voller Ideen hatten und nicht weiter wussten, sie zu nutzen. Er schrieb eine Adresse auf und hielt mir den Zettel hin. Daraufhin verließ er meine Wohnung durch die ihm ebenfalls gefällige Art des Sich-Einfach-In-Der Luft-Auflösens. Darüber wie immer irritiert, hielt ich den Zettel in der Hand und dachte: Er muss sich unbedingt eine andere Form des Kommens und Gehens überlegen, sonst drehe ich noch durch. Eines Tages.

Später rief ich den Motivator namens Bertollo unter der angegebenen Nummer an und machte mit einer Sprechstundenhilfe namens Belinda einen Termin aus. Da Sie privat versichert sind, spielt es keine Rolle, wann und ob Sie kommen, sagte Belinda, die es sich zwischendurch anders überlegte und nun lieber Carla heißen wollte. Gut, sagte ich, dann komme ich gleich morgen. Gegen zwei Uhr am Mittag, wäre das recht, Carla? Belinda. Ich heiße Belinda. Vierzehn Uhr, morgen. Bänkelstraße 17. Ist recht. Wiederschaun. (Klack)

Am nächsten Tag setzte ich mich auf mein Moped, eine alte, senfgelbe Simson mit abgeschlagenen Blinkerärmchen und zerritztem Sitzpolster. Ich startete das Relikt und fuhr damit los, etliche Rauchzeichen hinterlassend, um nachfolgenden Menschen anzuzeigen: Hier stand einmal ein Moped. Hustend und keuchend ist es nun fortgefahren. So what? Eventuell gefundene Blinkerärmchen bitte in den Briefkasten werfen oder einem vorbeiziehenden Nazi auf die Schädeldecke hauen. Vielen Dank!

Die Praxis des Motivators befand sich im äußersten Norden der Stadt, also hatte ich eine weite Reise vor mir. Zwischendurch rastete ich und tankte die Simson auf. Ich selber machte noch ein paar gymnastische Übungen und aß einen Schokoriegel. Dann fuhr ich weiter. Als ich endlich im äußersten Norden der Stadt angekommen war, es also beinahe geschafft hatte, konnten mich weder der Stadtplan noch der mitgeführte Kompass zur Praxis in der Bänkelstraße führen. Die Nadel drehte sich wie verrückt im Kreis und die Karte war verkehrt, egal wie ich sie hielt. Also fragte ich Passanten nach dem Weg, doch die zuckten nur kurz mit der Schulter und setzten munter pfeifend ihren Weg fort.

In heller Aufregung fuhr ich mit der Simson hin und her, doch ich konnte die Praxis einfach nicht finden. Mit einem Blick auf die Uhr entschied ich nun, wieder nach Hause zu fahren. Den Termin hatte ich ja bereits verpasst. Also fuhr ich geradezu wieder nach dem Süden der Stadt. Ich musste mich jedoch verirrt haben. Denn vor meinen Augen tat sich ein großer See auf. Ich stand vor der Frage, in welche Richtung ich ihn umfahren müsste, um wieder zur ursprünglichen Route zurück zu finden. Ich entschied mich für den Osten, doch nach einer halben Stunde Fahrt hatte ich den See nicht umrundet und eher das Gefühl, als entfernte ich mich immer mehr von meinem Ziel, statt ihm näher zu kommen. Dann fuhr ich zurück nach Westen und darüber hinaus, bis ich in einer Sackgasse Halt machen musste. So kam ich nicht weiter, soviel stand fest.

Ich schaute mich um. Ich befand mich in einer engen, menschenleeren Straße, alter Pflasterstein. Um mich herum waren schmucklose, mehrgeschossige Häuser etwa aus der Wende vom 19ten zum 20ten Jahrhundert. Der Putz war schon vor langer Zeit abgebröckelt und legte Ziegelsteine frei, die mittlerweile völlig verrußt waren. Steinerne Treppen, umwehrt von Eisengeländern, wuchsen von der Straße hinauf zu wuchtigen Hauseingängen, die Türen aus massivem Holz, abgeblätterter Lack. Die Fenster der Häuser, wie in früheren Zeiten doppelt gerahmt und verglast. Blumentöpfe voller Geranien setzten grelle Farbtupfer auf die grauen Wände. Über die Straße hinweg behängte Wäscheleinen.

Ich stellte den Motor ab. Irgendwie musste ich einen Weg nach Süden finden, zur Not durch die Häuser hindurch. Ich stieg die Treppe des mir den Weg versperrenden Hauses hinauf und trat ein. So sehr ich auch suchte: Es gab keinen Hinterausgang. Als ich enttäuscht wieder hinaus wollte, ging ich versehentlich durch ein Wohnzimmer, in dem sich gerade ein junges Paar stritt. Es ging um die üblichen Probleme. Erst wollte ich vermitteln, doch dann überlegte ich es mir anders und schlich mich aus der Szene. Dieser Streit ging mich nichts an.

Zurück im Treppenhaus und voller Neugierde, die ich mir heute nicht mehr erklären kann, stieg ich die Treppe hinauf und schaute mir Stockwerk für Stockwerk an, beobachtete die Menschen in ihren Wohnungen, staunte, lachte und weinte, als ich ein schönes Mädchen tot in der Badewanne vorfand, das Wasser darinnen blutrot verfärbt. Ein junger Mann saß lächelnd daneben und hielt ihre blutleere Hand in den seinen.

Erschüttert von diesem zärtlichen Bild wechselte ich in eine andere Wohnung und fand eine Familie beim Kaffeekränzchen vor, als der Vater dem Kleinsten gerade mit dem schweren Küchenmesser die Hand abschnitt. Wahrscheinlich hatte er nach einem Stück Kuchen gegriffen, ohne artig zu fragen. Reumütig blickte der Kleine seinen Vater an, wissend um des Vaters Pein: Den stärksten Schmerz fühlt stets das Elternteil, das straft.

Andächtig verließ ich auch diese Szene und fand andernorts einen Kindergeburtstag vor, ausgelassen lachende Kinder in Kostümen, die den gefesselten, am Boden liegenden Clown, freudig boxten und kniffen. Dessen Hilferufe erfreuten auch die Erwachsenen, die auf ihren Stühlen saßen und begeistert in die Hände klatschten. Ich nahm ein Stück Geburtstagstorte und schmierte es dem Clown ins Gesicht. Und immer wieder rief er um Hilfe, zum Totlachen das Ganze. Wann hatte ich zuletzt einen solchen Spaß?

Erhitzt vor lauter Lebensfreude ging ich hinaus auf die Terrasse. Ein junger, südländisch ausschauender Mensch, kam auf mich zu und fragte nach Feuer. Ich gab ihm welches. Wir rauchten beide andächtig und betrachteten den großen See in der bereits untergehenden Sonne. Er meinte, das Licht sei nun besonders gut. Ob ich denn etwas dagegen hätte, wenn er mich photographierte. Ich verneinte und fragte, was ich tun solle. Einfach ich selbst sein solle ich, das genüge. Ich wusste gar nicht, wie das geht: ich selbst sein. Doch dem jungen Mann schien zu gefallen, was ich tat.

Er photographierte und photographierte, kam mir dabei immer näher. Mich interessieren die Muster, mich interessieren Details, nuschelte er in die Kamera hinein, während er immerfort das Objektiv justierte. Bis er endlich nur noch wenige Zentimeter von meinem Jackett entfernt war und dessen Musterung schoss. Als er sich nach etwas mehr als einer viertel Stunde wieder etwas entfernte und endlich damit aufhörte, sich für meine Muster und Details zu interessieren, dankte er mir überschwänglich. Er küsste mich auf den Mund und verschwand in der Wohnung.

So blieb ich noch eine Weile auf der Stelle stehen und dachte an nichts. Ein wunderbares Gefühl überkam mich dabei. Dann wandt ich mich wieder dem herrlichen Panorama zu und bedachte den aufkommenden Nebel mit einem stillen Gruß. Dessen Arme erhörten mich bald und griffen zärtlich nach mir. Sie ließen mich schlussendlich ganz verschwinden in seiner köstlichen, diffusen Konsistenz. Ich schloss die Augen und ließ es geschehen.

HEK 17.10.2010

Donnerstag, 4. Februar 2010

Auf die Insel!

Als man feststellte, dass sie fast nur noch verwaltungsinterne Vorgänge bearbeiteten, begann man, alle Beamte und Fachangestellte der Verwaltungen auf eine südlich gelegene Insel zu verbringen. Dort sollten sie für den Rest ihrer Tage sich selbst überlassen bleiben und das tun, was sie am besten können: sich selbst verwalten!
Im Lande selber beschloss man, den Dienst am Bürger den kundenorientierten Dienstleistern zu überlassen, was im allgemeinen sehr gut angenommen wurde. Wenn ein Arbeitsloser zum Beispiel in Arbeit vermittelt wurde, schickte man ihm nun zusätzlich einen Blumenstrauß samt Grußkarte.
Man freute sich ganz ehrlich, dass die Menschen aus dem "Bezug" heraus fielen. Früher wurden die "Bittsteller" sang- und klanglos aus dem System gestrichen. Neue kamen hinzu, und sie waren außer arbeitslos vor allem eines: lästig!
So ging es den BürgerInnen mit sämtlichen Ämtern und Verwaltungen. Doch nun war alles gut. Sie fühlten sich endlich ernst genommen und mussten für jeden Antrag nur noch drei statt der üblichen 10 Durchschläge einreichen. Es war jetzt alles so viel einfacher.
Doch nach einiger Zeit hörte man von den BewohnerInnen der "Verwaltungsinsel" nichts mehr! Hatten sie es tatsächlich geschafft, zu gedeihen und sich fortzupflanzen? Waren sie endlich vollkommen unabhängig und benötigten keinerlei Unterstützung mehr? Noch vor wenigen Monaten wurde die Regierung von Anträgen auf Entwicklungshilfe geradezu bombardiert.
Man versuchte, Kontakt zu knüpfen, wollte schließlich Geschäfte mit dem endlich prosperierenden Eiland machen. Doch auf derlei Anfragen gab es keinerlei Reaktion. Also schickte die Regierung ein Erkundungsteam auf die "Verwaltungsinsel", um nach dem Rechten zu sehen.
Als das Team dort ankam, war es nicht schlecht erstaunt: Die Häuser waren zerfallen, in ihnen befand sich kein Leben mehr. Auf den Schreibtischen lagen Unmengen von unbearbeiteten Anträgen, Ablehnungen und Widersprüchen. Sämtliche Topfblumen waren verwelkt. An den Tischen saßen mumifizierte Leichen, die bunte Gießkännchen in ihren Händen hielten.
Sofort wurden Experten hinzu gerufen. Sie sollten erforschen, was denn in der Zwischenzeit passiert sei. Die einfache Antwort war schnell gefunden: Die BewohnerInnen hatten sich gegenseitig zu Tode verwaltet! Die Experten erklärten es der Regierung exemplarisch an einem Beispiel: 
Eine beantragte Dose Thunfisch verursachte einmal solch einen Verwaltungsaufwand, dass hinterher keiner mehr die Kraft hatte, sie zu öffnen, als sie endlich am Bestimmungsort angekommen war. Bei näherer Ansicht des Aktenverlaufs unter Zuhilfenahme forensischer Spurensicherung stellte sich folgendes heraus: Selbst wenn der Antrag 1554c (Bestellung einer Dose Thunfisch) samt Folgeantrag 1554d (öffnen der Dose Thunfisch) positiv entschieden worden wäre (die zuständigen Behörden mahnten wiederholt Formfehler in der Antragstellung an), wäre der Antragsteller trotzdem verhungert. Dies lag ganz besonders an folgendem Umstand:
Eine Verwaltungsfachangestellte wurde aufgrund ihres mehrfach abgelehnten Antrags auf eine höhere Gehaltseinstufung dermaßen brüskiert, dass sie aus Trotz den Antrag 234a (Antrag auf Zuteilung und Zustellung eines Dosenöffners) unter ihrem Schreibtisch verschwinden ließ. Der Antragsteller war übrigens nicht zwangsläufig derselbe, der ihre Gehaltserhöhung rechtsgültig abgelehnt hatte. Doch hatte sich die Abneigung der Verwaltungsfachangestellten gegenüber ihren KollegInnen so sehr manifestiert, dass sie ihren Dienst prophylaktisch in jeder Sache verweigerte.
Solche und ähnliche Geschichten passierten nun tausendfach auf der "Verwaltungsinsel", so dass am Ende alle Abläufe einer geregelten Gesellschaft ins Stocken gerieten. Die Regierung sah ein, dass es so kommen musste: Es ist niemals gut, domestizierte Wesen einfach in der freien Wildbahn auszusetzen, ohne sie in die Gefahren ihrer ureigensten Natur einzuweisen.
Die Insel ist übrigens für Jahrzehnte unbewohnbar, da einsetzende Regenfälle die im Laufe der Zeit entstandene Papierwüste in eine unwirtliche und nicht zu bewirtschaftende Pappmaschee- Landschaft verwandelt hatten.
Heute überlegt die Regierung übrigens ernsthaft, ob sie nicht die letzten Arbeitgeber auf ein anderes einsames Eiland verbringen soll. Sie könnten sich dort so wunderbar gegenseitig ausbeuten und ihre Erträge in taumelnde Höhen treiben. Die BürgerInnen des Landes wären hocherfreut: Das Leben würde dadurch so viel leichter und die Arbeit brächte vielleicht endlich wieder etwas Freude.

HEK 29. Juli 2007

Montag, 18. Januar 2010

Außer Kontrolle

Als sie Mara abholten herrschte tiefe Nacht. Goetz wurde von einem heftigen Hämmern an der Wohnungstür wach. Wie ferngesteuert verließ er das warme Bett und öffnete sie einen Spalt. Alsdann wurde die Tür weit aufgestoßen, und eine Mannschaft gepanzerter Männer stürmte in die Wohnung.
Einer der Uniformierten fragte Goetz barsch nach Maras Verbleib, worauf der ihm mit einer Armdeutung gehorsam den Weg ins gemeinsame Schlafzimmer wies. Zivilcourage war Goetzens Sache nicht. Mara saß aufrecht im Bett, mit weit aufgerissenen, ängstlichen Augen, die Bettdecke bis zum Kinn hochgezogen.
Man befahl ihr, sofort das Bett zu verlassen. Sicherheitshalber richteten sich großkalibrige Waffen auf sie, als sie Folge leistete, denn sie hätte ja ebenfalls bewaffnet sein können. Mara war nackt und unbewaffnet. Die Polizisten ließen die Waffen wieder sinken.
Goetz fragte sich, was wohl geschehen wäre, hätte Mara einen Bombengürtel unter der Bettdecke getragen, den Zündring bereits zwischen Daumen und Zeigefinger. Er stellte sich vor, wie eine Explosion das Schlafzimmer verwüstete. Ein greller Blitz, ohrenbetäubender Lärm, Splitter und Daunen stöben durch den Raum, eine gewaltige Druckwelle schöbe alles hinfort, gefolgt von eine furchtbaren Stille. Alle Anwesenden lägen tot oder schwerverletzt am Boden, vielleicht streckte sich die ein oder andere Hand hilfesuchend in die Luft.
Mara durfte sich etwas überziehen und das Notwendigste zusammen packen. Hilflos blickte sie den vollends überforderten Goetz an. Dem ging wie immer alles viel zu schnell, so dass sein Verstand dem Geschehen nicht so richtig folgen konnte. Noch bevor ihm einfiel, was er hätte tun oder sagen können, fiel die Wohnungstür ins Schloss und Mara und die Männer waren weg.
Goetz stand noch einige Zeit mit offenem Mund im Flur herum, dann schloss er ihn und legte sich wieder ins Bett. Allerdings konnte er überhaupt nicht einschlafen, was wohl an der ganzen Aufregung lag. Dann roch er an Maras Kissen und fiel dann endlich doch noch in tiefen Schlaf. Maras Geruch beruhigte Goetz schon immer.

Verstört folgte Mara den Männern die Treppen hinunter. Sie versuchte sich zu erklären, was da vor sich ging, konnte aber keine Erklärung dafür finden. An der Straße fand sie einen Mannschaftswagen geparkt, man hielt ihr eine Tür auf und schob sie hinein. Im Inneren des Wagens wurde sie auf eine Pritsche festgeschnallt, jemand spritzte ihr ein Narkotikum. Ihr Bewußtsein erlosch augenblicklich.
Als sie aufwachte, befand sie sich immer noch festgezurrt auf einer Pritsche, an der Hand eine Kanüle, von dort ein Schlauch, der in einen Infusionstropf mündete. Sie schien sich in einem Krankenhaus zu befinden, die weisen Kacheln wiesen jedenfalls darauf hin. Mara betrachtete die Decke, sah das Licht einer kalt flackernden Neonröhre. Abermals versuchte, sie das Geschehene zu erfassen. Hatte sie etwas verbrochen? Stand sie unwissentlich in Kontakt mit vom Verfassungschutz beobachteten Menschen? Hatte sie sich mit einem gefährlichen Erreger infiziert? War sie eine Gefahr für andere?
Es gab keinerlei Anhaltspunkt, und damit ergab auch nichts einen Sinn. Mara geriet in Panik und begann, laut um Hilfe zu schreien. Ein Pfleger kam durch die Schwingtür gestürmt. Kein Problem, kein Problem, alles ist gut. Seine Stimme sollte beruhigend wirken, erreichte jedoch das Gegenteil. Mara schrie um so verzweifelter: Nichts war gut, alles war ein Problem, wo war sie? Was hatte man mit ihr vor? Der Pfleger hantierte am Infusionsbeutel, wechselte diesen aus. Kein Problem, ganz ruhig, gar kein Problem, kein... mehr konnte Mara nicht mehr verstehen, abermals fiel sie in tiefen Schlaf.

Der Wecker klingelte bereits zum zweiten Mal, als Goetz endlich erwachte. Er würde heute zu spät zur Arbeit kommen. Wie gewohnt drehte er sich zu Maras Seite, um sie zu küssen, doch Mara war ja fort. Enttäuscht verließ Goetz das Bett und ging ins Bad, urinierte im Stehen und putzte sich die Zähne. Gestern Abend, erinnerte er sich, habe ich vergessen, die Zähne zu putzen. Wie es Mara wohl geht? Goetz nahm eine Dusche, zog sich an und ging ohne Kaffee getrunken zu haben aus dem Haus. Kaffee zu kochen war immer Maras Aufgabe gewesen. Er würde sich nun angewöhnen müssen, dies selber zu tun. Er rechnete nicht damit, dass Mara bald zu ihm zurückkehren würde. Goetz vermisste sie bereits.

Maras Fahrt zu ihrem Bestimmungsort sollte lange dauern. Als sie wieder wach wurde, war es ihre erste Empfindung gewesen, dass sie die Klimazone gewechselt hatte. Grün in allen Tönen zog an ihr vorbei, und es herrschte eine feuchte Hitze. Sie richtete sich mühsam auf, was erschwert wurde durch die holprige Fahrt in einem Jeep. Der Fahrer schaute sie missmutig durch den Rückspiegel an, sagte aber kein Wort.
Als sie sich wieder etwas gefasst hatte, versuchte sie ihn ohne Erfolg in ein Gespräch zu verwickeln. Sie versuchte ein paar Worte Spanisch, die ihr noch einfielen, dann Englisch und Französisch. Dann gab sie es auf. Der äußerst fette Fahrer schwitzte einfach vor sich hin, wischte sich ab und an das Gesicht mit einem schmutzigen Tuch und blieb stumm. Mara ordnete ihn der ethnischen Gruppe der Indios zu, mochte vielleicht ein Abkömmling spanisch-indianischer Verbindungen sein. Er stank wie ein verwestes Tier.
Mara wähnte sich irgendwo in Südamerika, um den Äquator herum vermutlich. Doch sicher war sie sich nicht. Sie musste geflogen sein, hatte aber keinerlei Erinnerung daran. Wie lange war es nun schon her, seit man sie aus ihrer Wohnung geholt hatte?
Die klebrig ockerne Straße stieß gerade wie ein Pfeil durch die üppig grüne Vegetation, klaffte darinnen wie eine eiternde Wunde. Mara war überaus erschöpft, sie schloss die Augen und versuchte zu schlafen. Es gelang ihr nicht, und so döste sie vor sich hin, immer wieder aufgeschreckt durch tiefe Schlaglöcher.
In einem kleinen Dorf machten sie eine Rast, der Fahrer tankte den Jeep auf, dazu noch ein paar Kanister, die er im hinteren Wagenraum bei Mara verstaute. Er besorgte Mara einen Happen zu essen, und obwohl sie keinen rechten Appetit hatte, nahm sie die Mahlzeit an und aß. Allmählich versammelten sich Kinder um den Jeep herum. Neugierig starrten sie Mara an. Als sie ihnen endlich ein schüchternes Hallo schenkte, gingen die Kinder stumm davon, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Der Fahrer ließ den Wagen an, und sie fuhren davon.
Es dunkelte allmählich, und sie hielten für eine Rast mitten im Urwald an. Der Fahrer fuhr zum stark abschüssigen Wegrand, ganz so als handelte es sich um einen Haltestreifen, und parkte in einer bedenklichen Schieflage. Er blickte zum Himmel, dann kramte er eine Plane aus der Ladefläche und spannte sie über den Jeep. Ein paar Minuten später fing es stark an zu regnen. Der Regen lockerte den Boden bald dermaßen auf, dass sich der Jeep noch mehr den Hang hinunter neigte. Dann schienen sie einigermaßen stabil zu stehen. Mara traute sich dennoch kaum, sich zu bewegen, aus Furcht, sie könne den Wagen doch noch zum Kippen bringen. Der Fahrer, der es sich am Steuer gemütlich gemacht hatte, schnarchte bereits. Mara getraute sich nicht einzuschlafen.

Goetz kam zu spät zur Arbeit. Keiner bemerkte es, und er konnte ungestört seine Aufgaben erledigen. Er hatte sich vorgenommen, gleich nach Feierabend zur Polizei zu gehen und sich nach Mara zu erkundigen. Mehr fiel ihm nicht ein, abermals fühlte er sich hilflos und in seinem freien Gedankenfluss blockiert. Er verfluchte diesen Zustand, der ihn immer dann überfiel, wenn er gefordert war. Am Besten für ihn war es, wenn alles seinen geregelten Gang ging. Kreativität war seine Sache nicht.
Ja, Mara P., wohnhaft in der Straße soundso, Postleitzahl und so weiter. Sie war abgeholt worden, vermutlich von Polizisten. Können Sie mir helfen? Ich weiß nicht, wo man sie hingebracht hat. Der wachhabende Polizist tippte etwas in den Computer, betrachtete wortlos seinen Bildschirm, schaute kurz auf und ging ebenso wortlos davon. Goetz wartete ein paar Minuten. Der Polizist kam nicht wieder. Nun, er hatte es wenigstens versucht.
Goetz verließ das Polizeipräsidium. Es hatte zu regnen begonnen. Er wurde nass. Er bekam Hunger. Zuhause gäbe es nichts zu Essen. Mara hatte sich immer um das Essen gekümmert. Goetz würde Essen gehen müssen. Es war sehr schwierig: Sollte er zum Chinesen gehen, oder zum Italiener? Er konnte sich nicht recht entscheiden und beschloss, einfach das nächstbeste Restaurant zu besuchen. Der Zufall führte ihn zum Griechen, wo er etwas Gyros zu sich nahm. Es schmeckte ihm nicht besonders. Im Hintergrund lief der Fernseher. Sport. Goetz vermisste Mara immer mehr.

Mit Beginn der Morgendämmerung wurde der Fahrer wach. Mara hatte bis dahin nicht geschlafen. Der Regen hatte aufgehört. Stattdessen lag dichter Nebel über den Resten der Straße, über der Vegetation. Sie streckte sich und bekam eine Prise Eigenduft ab. Nun roch sie beinahe genauso betörend wie ihr Fahrer, der sich mit dem Ärmel den verkrusteten Speichel aus den Mundwinkeln wischte. Er setzte sich auf und drehte den Zündschlüssel. Die Fahrt ging weiter.
Mara verspürte heftigen Harndrang, verkniff ihn sich aber. Sie hatte sich während der Nacht ohnehin schon eingenässt, da sie sich nicht getraut hatte, den Wagen im strömenden Regen zu verlassen. Was sind da noch ein paar Tropfen Urin mehr?
Mara ließ sich gehen, und es war ihr egal. Alles war ihr egal. Man sprach nicht mit ihr, man teilte ihr nicht mit, was mit ihr geschehen sollte. Sie dachte an Goetz und stellte sich vor, wie er alle Hebel in Bewegung setzte, um sie wieder nach Hause zu holen. Dann wurde sie wieder realistischer und erinnerte sich an Goetzens Generalhilflosigkeit und Lethargie. Sie begann hemmungslos zu schluchzen. Niemand würde sie je wieder nach Hause bringen. Niemals würde sie erfahren, wo sie sich befand und wo sie hingebracht werden sollte. So sah es aus! Mara hatte ein ernsthaftes Problem.
Gegen Mittag, die Schwüle war kaum auszuhalten, wurde der Urwald allmählich etwas lichter, bis sie eine von der Natur wieder zurück geholte Plantage durchfuhren. An ihrem Ende war eine riesige, baufällige Villa zu erkennen. Große Teile davon waren überwuchert. Sie machte keinen besonders guten Eindruck. Der Jeep folgte einem Weg um einen sich außer Betrieb befindlichen, riesenhaften Springbrunnen. Vor dem Haupteingang bremste er ab. Der Fahrer stieg auf die Ladefläche, um Maras Gepäck hinaus auf die Treppe zu werfen. Mara kletterte mit schwachen Beinen aus dem Jeep und klaubte ihre Sachen vom Boden zusammen. Die Räder des Jeeps drehten kurz durch, dann fuhr er davon. Sie schaute ihm fassungslos hinterher, bis aus ihm ein Punkt wurde und er sich endlich ganz auflöste.
Aus dem Inneren der Villa vernahm sie leise Musik. Es schien sich um einen alten Marsch zu handeln, und die Tonqualität ließ eher auf ein Grammophon als auf ein modernes Gerät schließen. Mara entschloss sich dazu, dies als ein gutes Zeichen zu werten. Immerhin schien die Villa bewohnt, und auch wenn erwartungsgemäß niemand der dort befindlichen Menschen mit ihr auch nur ein Wort wechseln würde, so war stumme Gesellschaft immer noch besser als gar keine.
Beinahe hätte sie an die Türe geklopft, doch sie hatte die leise Ahnung, dass man sie ohnehin nicht hereinbitten würde, also ließ sie das. Die Türe war zudem nicht verschlossen, und als sie sie öffnete, gab sie einen fürchterlichen Laut von sich, ganz so als sei sie mit dem Genital eines Gefolterten verbunden.

Zuhause schaltete Goetz den Fernseher an. Er rubbelte sich den Kopf mit einem Handtuch trocken, während er missmutig einen schlechten Spielfilm erdulden musste. Er ließ das Handtuch zu Boden und sich in den Sessel fallen, ergriff die Fernbedienung und zappte sich durch das Programm. Eine Dokumentation über seltene Tiere auf irgendeiner Inselgruppe. Eine Spielshow mit teils infantilen Fragen. Eine Casting- oder Talentshow, Nachrichten. Goetz mochte keine Nachrichten. Sie verunsicherten ihn sehr. Wie bei einer Soap war es: Einmal eine Folge verpasst, und er würde nicht mehr folgen können. Einmal nicht aufgepasst, und er würde gar nicht mehr verstehen, um was es in den Nachrichten überhaupt ging.
Er stellte den Fernseher wieder ab. Ohne Programmheft war Fernsehen ein hoffnungsloses Unterfangen. Im Kühlschrank gab es noch ein Bier. Mara musste es noch kurz vor ihrer Abreise gekauft haben. Morgen würde er neues Bier kaufen müssen. Mara war ja nicht da. Das Auffüllen des Kühlschrankes war immer ihre Aufgabe gewesen. Ebenso der Kauf eines Fernsehmagazins.
Goetzens Aufgabe war es stets gewesen, dankbar zu sein. Seine neue, unfreiwillige Rolle fiel ihm schwer. Er hätte sich viel lieber ganz allmählich an die Sache herangetastet, statt urplötzlich auf sich selbst gestellt zu sein. Man hätte ihm Mara nicht einfach so entziehen dürfen. Dies stellte eine besondere soziale Härte dar, gegen die man eigentlich klagen müsste. Eigentlich. Goetz ging zu Bett und überlegte, wie er diesen Zustand beenden könnte.

Ganz so, als würden sich Menschengruppen durch die Flure der Villa bewegen, brandeten Stimmen und Gelächter auf und ebbten wieder ab. Mara konnte sie nicht orten. Anfangs hatte sie noch versucht, ihnen nachzugehen, den Ursprung der Geräusche ausfindig zu machen. Ohne Erfolg. Die Villa wirkte von Innen um einiges größer, als ihre Außenansicht zunächst hätte vermuten lassen. Es gab riesige Durchgangszimmer - das Interieur und abgeblätterte Farbe deutete auf gewesenen Reichtum hin – endlose Flure und eine Vielzahl von Treppen, die zu immer weiteren Fluren führten, an deren Seiten sich wiederum Durchgangszimmer befanden.
Mehr als einmal hatte sich Mara verlaufen, konnte weder ihren Ausgangspunkt noch ins Freie finden. Es war daher angebracht, sich auf ihren Exkursionen jede Treppe, jede Abzweigung zu merken. Aber selbst dann war es noch schwer genug, nicht die Orientierung zu verlieren, zumal Räume und Flure sich überall stark ähnelten.
Bald gab sie es auf, nach den Menschen zu suchen. Sie nutzte die Zeit, sich nach draußen in den verwilderten Garten zu begeben, dort die Steinskulpturen zu betrachten oder ausgedehnte Spaziergänge an der Straße entlang zu unternehmen. In der Hoffnung, doch noch auf Spuren irgendeiner lebendigen Zivilisation zu stoßen, kehrte sie bei Anbruch des Abends immer wieder enttäuscht um.
Mara war isoliert, abgeschnitten von der Gemeinschaft. Ihre nächsten Freunde wurden Orchideen und Frösche, unter beiden gab es riesige Exemplare. Sie begann sie zu untersuchen und zu zeichnen. Sobald es dämmerte, ging sie in die Villa zurück, wo bereits das Abendessen angerichtet war. Die ihr vorgesetzten Speisen waren überwiegend vegetarisch, die seltenen Fleischbeilagen erinnerten sie an ihre neuen Freunde, die Frösche.
Mara hatte keine Ahnung, wer ihr die Speisen zubereitete noch wer sie brachte. Einmal verbrachte sie den ganzen Tag im Haus, um wenigstens dieses Geheimnis zu ergründen, doch dann war sie kurz eingenickt und als sie die Augen wieder öffnete, fand sie in ihrer unmittelbaren Nähe stets einen gedeckten Tisch.

Goetz gewöhnte sich bald daran, für sich selbst zu sorgen. Er erledigte Einkäufe, kochte, und nachdem ihn ein Besuch im Badezimmer immer mehr Überwindung kostete, raffte er sich dazu auf, es gründlich zu reinigen. Es ging erstaunlich schnell, was ihn ermutigte, und bald darauf waren auch Küche, Wohn- und Schlafzimmer aufgeräumt.
Er zog das Bett ab, betätigte die Waschmaschine, und damit war mit ihrem fortgewaschenen Geruch auch die letzte Erinnerung an Mara verschwunden. Kein Kissen mehr, in das er seine Nase voller Sehnsucht hätte hineindrücken können. Goetz lebte nun gänzlich alleine in der für ihn eigentlich viel zu großen Wohnung. Doch er genoss es, endlich Platz zu haben. Er hörte wieder öfter Musik und las dabei Bücher, die sich schon seit Jahren ungelesen im Buchregal aufreihten – ein stilles Mahnmal Goetzens Faulheit und Desinteresse. Der Fernseher blieb kalt.

Wie jeden Morgen wurde Mara von sanften Sonnenstrahlen geweckt, wie sie zuerst ihre Stirn küssten und dann die Nase neckten. Sie warf sich einen Morgenmantel über – wozu eigentlich? - und setzte sich an den gedeckten Tisch. Tischlein deck Dich! An dieses Märchen musste sie jedesmal unwillkürlich denken.
Mara erledigte beinahe vergnügt ihre Morgentoilette und begab sich nach draußen. Es würde heute sehr heiß werden, deswegen nahm sie eine Decke mit und legte sich in den Garten, ganz in der Nähe des riesigen, umrankten Springbrunnens. Nach einer Weile fand sie es albern, angekleidet in der Sonne zu liegen, und sie legte ihre Kleidung samt Unterwäsche ab. Sie fläzte sich auf der ausgebreiteten Decke und döste bald darauf weg.
Nach einer Weile stieg ihr ein seltsam vertrauter Geruch in die Nase, etwas säuerlich vielleicht, dazu die Note eines nahegelegenen Wildgeheges und der Geruch des Alters. Als sie die Augen aufschlug, stand über ihr ein faltiger Hautsack von Mensch, beinahe kahlköpfig. Ein alter, nackter Mann mit erigiertem Penis. Er gickerte, als sie ihn erschrocken ansah, und hüpfte sonderbar leichtfüßig davon, zurück in die Villa.
Eilig raffte Mara ihre Sachen zusammen und kleidete sich im Gehen wieder an, den Alten atemlos verfolgend. Doch schon an der Haustüre verlor sich jede Spur. Sie beruhigte sich allmählich wieder, bekam einen klaren Kopf. Sie war nicht mehr alleine. Mara würde Vorsichtsmaßnahmen ergreifen müssen.

Goetz fand eine Bar, die er nun regelmäßig besuchte. Es herrschte dort eine angenehme Geschäftigkeit, es lief keine Musik, und die Gespräche der Gäste waren verhalten, ein beruhigendes auf- und abwogen von Geräuschen, wellenförmig. Noch mehr Gefallen aber als an der Atmosphäre fand Goetz an der Bedienung hinter dem Tresen. Pablo war hochgewachsen, mit dichtem, dunklen Haupthaar, feinen Gesichtszügen und dabei wirkte er gänzlich unaffektiert. Er war tadellos in seinem Verhalten, stets freundlich und verbindlich seinen Gästen gegenüber.
Als sich Goetz beim ersten Besuch an den Tresen setzte, fühlte er sich sofort wohl. Von nun an sonnte er sich regelmäßig in der wohlfeilen Aura des Spaniers. Dabei stieg in ihm ein heftiges Verlangen auf, dass er so noch nie einem Mann gegenüber verspürt hatte. Goetz war erschrocken darüber, aber auch neugierig geworden.
Nun saß er schmachtend, fasziniert, aber auch irritiert auf seinem Barhocker, trank stumm seine Drinks, zahlte endlich und ging nach Hause. Seltsam aufgekratzt war er, fand keinen Schlaf und dachte nach.

Als Mara dieses Mal aufwachte, war da keine sie neckende Sonne, sondern vielmehr ein Schatten, der sich über ihre erwartungsfrohe Stirne legte. Dies erweckte ein Mißtrauen in ihr, und als sie endlich die Augen öffnete, entfuhr ihr ein Schrei: An ihrem Bett hatten sich zwei Gestalten versammelt, die im Gegenlicht schemenhaft wirkten. Als sie sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatte, erkannte sie zwei alte, knitterige Wesen, beide nackt. Es handelte sich um den selben Mann, der ihr am Vortag im Garten begegnet war, und eine fette Frau mit tief hängenden Brüsten und einer lichten, grauen Scham. Beide starrten sie Mara neugierig nach vorne geneigt an. Die Alte fasste Mara zwischen die Beine und roch dann an ihren Händen, lachte triumphierend auf, als hätte sie den Jungbrunnen gefunden. Dann rannten die beiden aus dem Zimmer, vorne die Alte, und hinter ihr der Alte, der ihr lachend einen Klaps auf die Hinterbacke verabreichte. Sie kreischte auf vor Vergnügen, und dann waren sie fort.
Mara saß erschrocken in ihrem Bett, neben ihr auf dem Boden lag ihre Decke. Sie war sich sicher, in der Nacht ihre Zimmertüre verschlossen zu haben.

In einer weiteren, schlaflosen Nacht ging Goetz noch einmal vor die Türe, hinaus auf die Straße. Dann lernte er den schönen Paul kennen und nahm ihn mit zu sich. In seinen Armen konnte Goetz endlich schlafen. Am nächsten Morgen war der schöne Paul verschwunden, doch das machte ihm nichts. Er duschte, zog sich an und ging gutgelaunt zur Arbeit.

Mara gewöhnte sich allmählich an die morgendlichen Besucher. Sie hatte es längst aufgegeben, nächtens ihre Türe und die Fenster zu verschließen. Irgendwie fanden die Alten doch immer einen Weg zu ihr hinein. Ganz so, als sei sie ein ganz besonderer Fall, kamen andere Alte hinzu, um Mara zu betrachten, blieben dann wieder weg, nur um am nächsten Morgen wieder andere mitzubringen. Sie sprachen kein Wort, starrten Mara nur an, geschmückt nur durch ihre klebrig- glänzenden Schwänze und feuchte Mösen, bis diese aufwachte vom säuerlichen Geruch abgestandenem Geschlechtsverkehrs. Keiner fasste Mara mehr an, und sobald sie aufwachte, zogen sich die Alten langsam zurück und verließen nach und nach ihr Zimmer.

So ging es nun Nacht für Nacht, Goetz war schlaflos, ging auf die Jagd und weidete seine Beute zu Hause aus, geriet zuerst in Extase und dann in tiefen Schlaf. Doch das Gefühl, dass sich dabei einstellte, war flüchtig wie ein billiges Parfüm. Es hielt nur die Nacht und einen Morgen. Am Mittag schon fühlte Goetz nichts mehr, und am Abend kam die Entzugserscheinungen. In der Bar suchte er Linderung, bekam sie aber nicht. Alles Schmachten zu Pablo, dem Wirt, half nicht, es stellte sich nur rasende Begierde ein.
Goetz hatte doch so viel Liebe zu geben, er wollte sie am liebsten der ganzen Welt schenken, oder Pablo. Doch weder die Welt noch Pablo, das spürte Goetz,schienen bereit für seine Liebe.

Plötzlich war die Villa, die vorher noch so verlassen schien, voller Leben. Sobald Mara ihr Zimmer verließ, huschten die Schatten der Alten durch die Flure, in die Zimmer hinein, aus den Zimmern heraus. Für ihr Alter, schienen diese Leute ziemlich aktiv.
Wo immer sie sich auch umschaute, fand sie kopulierende Alte vor, denen keine noch so ausgefallene Sexualpraktik ausgefallen genug erschien. Sie waren ganz offensichtlich pansexuell.
Mara fand sich fasziniert und abgestoßen zugleich. Sie hätte ebenso ihre Freunde, die Orchideen und Frösche im Garten besuchen können, doch die interessierten sie nicht mehr. Hier war etwas, dem sie auf den Grund gehen konnte.

Vom langen Abdul hatte er die Adresse bekommen. Seinen Namen hatte Abdul nicht seiner Körpergröße wegen, wie Goetz leidvoll, lustvoll am eigenen Leib zu spüren bekam.
In der warmen Feuchte des Bäderbetriebes fand Goetz vorwiegend kreatürliche Männer jeden Alters vor. Sie waren allesamt stark behaart und kräftig, ganz und gar nicht Goetzens Linie. Doch er wollte dieses Mal einfach den Worten des langen Abduls vertrauen. Der schwärmte in den höchsten Tönen von den dortigen Ereignissen.

Je weiter sich Mara an ihre neuen Studienobjekte heranwagte, desto mehr wurde sie mit einbezogen, das war ihr bewußt. Es war eine gefährliche Promotion, die sie hier schrieb. Sie musste nur die Spielregeln herausfinden, sich daran halten, und nichts würde ihr passieren. Eine der Spielregeln hatte sie bereits herausgefunden: Abstand wahren! Sie durfte zuschauen, aber nicht zu nahe herantreten. Die Alten genossen ihre Blicke, ließen Mara aber in Ruhe. Ab und an hüpfte einer der Alten an ihr vorbei und lupfte kurz ihr Kleid, doch weiter ging es nie.

Niemand sprach ein Wort, und als sie sich gemeinsam in die Dampfsauna setzten, zehn nackte Männer jenseits jeglicher körperlichen Ästhetik, und er natürlich, Goetz. Er war dankbar, dass der Dampf deren Physiognomie bis zur Schemenhaftigkeit bedeckte.
Goetz beobachtete, wie einer der Männer sein Gesicht in den Schoß eines anderen legte. Schon sehr bald darauf spürte er, wie zwei starke Hände seinen Kopf sanft umfassten und nach hinten drehten, und er seinerseits in den warmen, gepfählten Schoß seines Hintermannes gezogen wurde. Noch während er sich in einer drehenden Bewegung seines Körpers nach hinten beugte, drang in ihn weitere Wärme lustvoll schmerzhaft ein, und er fühlte sich dabei, als höbe er ab vor Leichtigkeit und Wonne.
Goetz war im Himmel angelangt, und die Engel pusteten ihn von nun an von einer Wolke zu anderen, wie eine Feder so leicht schwebte er dahin, willfährig, missbraucht, wonnebeflügelt und bar jeden Kontrollvermögens.

Doch dann kam Mara einem kopulierenden Paar zu nahe. Sie selbst verspürte schon seit Tagen eine immense Lust, die sie versucht hatte, selbst zu befrieden. Was ihr jedoch misslang, da sie sich stets beobachtet vorkam. Nicht aus freiem Willen, vielmehr unbewusst, in einem Moment tiefer sexueller Ergriffenheit, fasste sie einer alten, schrumpeligen Vettel, welche sich gerade auf einem klapprigen Dürren befand, an die Schulter. Jemanden spüren, jemanden fühlen. Es war eine Offenbarung. Mara hatte schon so lange niemanden mehr berührt.
Die anderen Alten im Raum, die um die kopulierenden Paare standen und sich selbst eine Pause gönnten, stimmten in einen leisen Chor ein. Sie kamen näher. Mara war nun eingekreist von den Alten, die ihre Hände nach ihr ausstreckten und auf sie zugingen.
In Mara stieg Panik auf. Man musste ihre Annäherung wohl als Einladung missverstanden haben. Nun war sie umgeben von einer Dunstwolke aus Milchsäure, Essig, altem Schweiß und Kot. Mara schrie laut auf, was die Alten erschrocken zurückweichen ließ. Sie ergriff diese Gelegenheit zur Flucht, und noch während sie sich einen Weg durch die Alten hindurch bahnte, versuchten diese, sie festzuhalten. Mara schaffte es zur Türe hinaus und lief entsetzt durch die Gänge. Die Alten folgten ihr langsam, doch egal, wo Mara anhielt, um zu verschnaufen, kamen sie bereits herbeigeströmt. Kaum stieß sie eine Türe zu einem Raum auf, waren darinnen schon die Alten, von der anderen Seite des Zimmers herkommend – eine zähe, klebrige Masse, die sich nicht abschütteln ließ.
Mara flüchtete eine Treppe hinunter, aber selbst dort schoben sie sich von unten die Stufen hinauf. Es war zwecklos, sie würde ihnen nicht entkommen können. Sie fiel auf die Knie und schlug ihre Hände vor das Gesicht. Erschrocken nahm sie wahr, dass diese alt und fleckig waren. Als Mara an sich hinab blickte, sah sie ihre Brüste schlaff an ihrem Körper herunterhängen und ihre Arme rapide altern.

HEK 21.12.2009

Dienstag, 22. Dezember 2009

Moralist! Fortgesetzt!

Es war dann so, dass ich zu einem ordentlichen Bußgeld verdonnert wurde, da ich ja die Straßenbahn so ganz ohne gültigen Fahrschein genutzt und dann auch noch den Kontrolleuren erbitterten Widerstand geleistet hatte. Man wies mich darauf hin, dass mich eine zweite solche Verfehlung zur unerwünschten Person machen würde und ich niemals wieder eine Straßenbahn ortsintern würde benutzen dürfen.

Um dem vorzubeugen, entschloss ich mich dazu, erst gar keine ortsinterne Straßenbahn mehr zu benutzen. Erstens würde man mich darin sofort wieder erkennen und mit dem Finger auf mich zeigen. Das wäre mir unangenehm gewesen. Zweitens hatte ich Furcht, aus ähnlich moralisch zweifelhaften Gründen wie kürzlich, denselben Faux Pas wieder zu begehen. Und damit wäre ich für die Gemeinde einfach nicht mehr zu ertragen gewesen, ich hätte den Wohnort wechseln müssen, und mit dem üblen Leumund im Nacken wäre auch dort ein Neustart beinahe unmöglich gewesen.

Deswegen entschied ich mich dazu, notwendige Wege einfach zu Fuß zu gehen. Damit war allen gedient: Dem örtlichen Nahverkehrsbetrieb, der Bevölkerung und natürlich mir selbst. Der Versuchung zu widerstehen hieß letztendlich, die Versuchung zu umgehen. Ich war ein trockener Schwarzfahrer, den eine einfache Bahnfahrt hätte rückfällig machen können.

Als ich dann wieder einmal einen wichtigen Termin in der Stadt hatte, machte ich mich auf den Weg. Anfangs ging es auch gut voran. Doch dann, ich nahm eine Abkürzung durch den Park, stand ich abermals vor einer ernsten Situation: Während ich da so nichtsahnend vor mich hin lief, beinahe heiter, stand da ein großer schwarzer Hund vor mir und wollte mich gar nicht vorbei lassen. Schon überlegte ich, ob ich nicht einen Schlenker über den Rasen machen sollte, um die Blockade zu umgehen. Doch leider war das Betreten des Rasens verboten, und ich wollte mich nicht schon wieder mit Ordnungskräften jedweder Art anlegen.

Besser schien es tatsächlich, sich der Bedrohung zu stellen, sogar konstruktiv mit ihr umzugehen. Ich hielt Ausschau nach dem Halter des Hundes. Ein paar Meter entfernt sah ich den einzigen Menschen weit und breit. In seiner Rechten baumelte eine Hundeleine, in seiner Linken hielt er ein Mobilfunktelefon. Er unterhielt sich angeregt und war wohl gerade nicht ansprechbar. Also wartete ich ein paar Minuten. Ich war mir aber auch nicht richtig sicher, ob der Hund dem Mann tatsächlich gehörte. Vielleicht handelte es sich ja um einen neuen Modespaß, eine Hundeleine um das Handgelenk geschlungen zu tragen. Heutzutage war ja alles möglich.

Dann wurde ich jedoch ungeduldig, ich hatte ja einen wichtigen Termin einzuhalten. Deshalb rief ich dem Mann zaghaft zu, ob es denn sein Hund sei, der mir den Weg verwehrte, und wenn ja, ob es denn bitte möglich sei, seinen Hund zu sich zu holen, damit ich passieren könne. Doch der Mann reagierte zunächst überhaupt nicht. Dann rief ich, mit zitternder Stimme zwar, etwas lauter. Der Mann verdrehte die Augen, hielt das Mobilfunkmikrofon mit der Hundeleinenhand zu und entgegnete mir, ich solle doch an dem Hund vorbei laufen, er würde mir schon nichts tun. Ich war mir nicht wirklich sicher, ob ich einem fremden Mann ungeprüft Glauben schenken durfte, und blieb zunächst einfach stehen. Ich wiederholte mein Anliegen ängstlich, doch der Mann war wieder in sein Telefongespräch vertieft und schien mich nicht zu hören.

So stand ich nun eine ganze Weile, und nichts bewegte sich. Ich hatte nun doch wirklich keine Zeit mehr, und so keimte in mir der Gedanke, die Alternative mit dem Umweg über den Rasen unter Umgehung der verbotenen Betretung desselben zu ergreifen. Leider tat ich dies dann so hektisch, dass der Hund wohl erschrocken war und nach meiner Hand schnappte, wobei ich diese panisch zurückzog und dem Hund mit der daran befindlichen Tasche versehentlich auf die Schnauze schlug. Er missinterpretierte dies als Angriff, sprang mich an und warf mich zu Boden, woraufhin er sich in meinem Arm fest biss.

Endlich kam auch der Hundehalter hinzu und schimpfte mit mir: Was ich denn hier mit seinem Hund veranstalte? Ob ich denn nichts anderes zu tun hätte, als seinen lieben Freund zu ärgern und zu nötigen? Darauf hatte ich, wohl auch wegen des Schmerzes in meinem Arm und der ganzen Panik, die mich anheim fiel, nichts weiter zu entgegnen. Der Hundehalter beendete sein Telefongespräch wütend, und mir tat alles sofort leid. Immer machte ich alles verkehrt.

Ich bat ihn trotzdem, den Hund doch bitte von mir fort zu nehmen, was dem Hundehalter allerdings nicht ganz leicht fiel, da der sich ziemlich an meinem Arm fest gebissen hatte, einerseits, und andererseits, weil es ihm wohl ganz gut gefiel, wie sein Hund mit seinem Peiniger umging. Aber letztendlich wollte er wahrscheinlich verhindern, dass das Tier durch ein allzu ruppiges Fortziehen in seinem Beißverhalten traumatisiert würde.

Als es ihm endlich doch noch gelang, das Tier von mir zu befreien, bemaß er mich eines strafenden Blickes. So was hätte er nun noch nicht erlebt. So etwas dämliches. Ob ich denn nicht um die Natur des Tieres wisse? Ob ich denn nicht etwas aufpassen könne? Sofort entschuldigte ich mich bei dem Mann. Es täte mir leid, dass er sein Telefongespräch wegen meiner Person habe beenden müssen. Ich selbst habe aus purem Egoismus, bloß weil ich nicht zu spät zu meinem Termin habe kommen wollen, den Hund samt seinem Halter in eine unzumutbare Situation gebracht. Warum musste ich auch durch den Park gehen, wo ich doch wusste, dass man dort gerne seinen Hund von der Leine ließe? Was habe ich mir nur dabei gedacht?

Jeder wisse doch, dass Hunde Angst und Unsicherheit wittern. Allein meine Unfähigkeit, diese Gefühle zu verbergen und stattdessen dominantes Verhalten zu zeigen, woraufhin der Hund bestimmt gekuscht hätte, hatte mir dieses Unglück eingebracht. Ihn, den Hundehalter, treffe ganz gewiss keine Schuld. Allein mein unangebrachtes Verhalten sei dafür verantwortlich. Es wäre mir überaus unangenehm, würde er, der Hundehalter, meiner Tollpatschigkeit wegen Schuldgefühle davontragen. Gar nicht zu sprechen von dem psychischen Schaden, den der Hund bestimmt erlitten habe. Wie ich dies bloß wieder gutmachen könne?

Mir blieb nur eines: Mit meinem gesunden Arm zog ich die Brieftasche aus meinem Mantel. Der Hundehalter blickte sich verstohlen um, dann nahm er mir die ganze Brieftasche weg und verschwand, nicht aber ohne mich vorher noch einmal als Tierquäler zu beschimpfen und zu konstatieren, wie recht mir geschehe, und überhaupt: hoffentlich müsse mir der Arm amputiert werden. Ich fand, sein Ärger war durchaus gerechtfertigt. Ich würde wohl in Zukunft noch besser aufpassen müssen. Solche Fehler durften mir einfach nicht mehr passieren.

Hernach fiel mir ein, dass ich ja noch etwas zu erledigen hatte. Doch zuerst musste ich mich noch etwas herrichten. Ich konnte unmöglich verspätet und mit blutendem Arm zu meinem Termin erscheinen. Was sollten die Leute von mir denken? Man hatte ja ohnehin schon ein wachsames Auge auf mich geworfen. Da musste ich mich wohl oder übel doppelt, nein dreifach anstrengen, um mich wieder akkreditieren zu können. Ich zog also ein Taschentuch aus meiner Brusttasche und versuchte die selbstverschuldete Wunde notdürftig zu versorgen.

In jenem Moment aber trat ein Polizist auf mich zu und sprach mich an. Was ich denn hier machen würde? Ob mir klar sei, dass ich mich in unerlaubter Weise auf der Wiese aufhalte? Hier stünde doch klar und deutlich „Betreten Verboten!“. Ob mich die öffentliche Ordnung denn gar nicht interessiere? Er wolle bitteschön einmal meinen Ausweis sehen. Da ich keinen vorzeigen konnte, bezichtigte er mich der Landstreicherei und sprach einen Platzverweis aus. Dieses Mal hätte ich aber noch Glück gehabt, rief er mir hinterher. Beim nächsten Mal müsste ich einen ordentlichen Batzen Bußgeld entrichten. Mit solchem Gesocks wie mir habe er aber auch noch ganz andere Pläne, falls ich wisse, was er meine.

Montag, 9. November 2009

Kontrollbegabt.

Kronos schenkte der Welt die Zeit. Zeus, sein Sohn, entmannte ihn SPÄTER. Selber Schuld!
Einen Frieden finden
wenn es mal wieder länger dauert
und die Musik Gedanken stillt
an der Zitzen der Zeit

Komplikationen schnaufen im Rhythmus
ich, die Galeere, die Ruder
am Ruder die Hand, an der Hand der Arm
und am Arm der Körper beugt

sich schwer nach Vorne und zurück
Reaktion statt Aktion
Das ist nicht gut. Nein, gar nicht gut
Einen Frieden finden in den Gezeiten

Auf dass der Rhythmus meinig wird
und ich steu're das Boot
in den sich'ren Hafen kontrollbegabt
Beherrscher der Zeit

In den Tag hinein.

Darf ich mich zu Ihnen setzen? Bort, der sich bis eben noch am Tresen festhalten musste, damit er nicht gänzlich vom Barhocker fallen konnte, setzt das besoffenste Lächeln auf, das man sich nur vorstellen kann.

Bort ist ein Mann von beachtlicher Höhe. Und auch wenn es ihm innerlich an Tiefe mangelt, macht er dies wett durch stets korrekte und gut sitzende Kleidung. Selbst jetzt, da er sich volltrunken in einer Bar befindet, kann man ihm eine gewisse Attraktivität nicht absprechen.
Leider, das muss man so sagen, fühlten sich die Frauen durch Bort zuerst zwar angesprochen, doch wandten sich die meisten nach kurzer Zeit wieder ab: Er ist kein guter Plauderer, und auch das Zuhören fällt ihm schwer.

Langsam, beinahe vorsichtig dreht er den Kopf in jene Richtung, aus der er die weibliche Stimme vernommen hat und stellt dann folgendes fest: Es spricht tatsächlich jemand zu ihm, und es ist eine Frau, in jenem verlorenen Alter zwischen 30 und 40 Jahren, genauso wie er, Bort, zumindest fühlt er sich in diesem Alter so verloren, da ihm bewußt ist, dass es ihm an Perspektive mangelt, er die Unbefangenheit der Jugend schon lange abgelegt hat und sich dennoch nicht erwachsen genug fühlt, um das zu tun was man in seinem Alter eigentlich tut oder nach landläufiger Meinung tun sollte. Eher meint er zunehmend die Kontrolle über seinen schlaksigen Körper zu verlieren und versucht dem entgegenzuwirken, indem er elegante, maßgeschneiderte Anzüge aufträgt.

Bort grinst nun blöde, und als er dem Anliegen der Frau entsprechen will, nickt er ihr nur zu, wobei ihm der Kopf abzufallen scheint. Im Moment der Bewußtwerdung seines lächerlichen Zustandes hat er starke Zweifel daran, ob sie sein Einverständnis wahr nimmt und sich tatsächlich zu ihm setzt. Doch sie scheint sich daran nicht zu stören und nimmt Platz. Bort sieht: Dunkle, leicht gewellte, lange Haare, slawische Gesichtszüge mit den entsprechend weit auseinander stehenden Augen. Zu ihrem Gesicht trägt sie ein schlichtes, schwarzes, hochgeschlossenes Abendkleid, das ihr Dekolletee verbirgt und vielleicht gerade deshalb einen schönen Busen offenbart.

Sie lächelt ihn freundlich an und wartet eine Weile, die Augen fragend, wartend, auf irgendetwas, was Bort zu ihr sagen könnte. Was Borts Naturell entsprechend nicht passieren wird, da sein fieberhaft nach einem gesprächseinleitenden Satz suchendes Hirn blutet und seinen Verstand lähmt, seinen Mund in botoxhafter Weise offen stehen lässt.

Wenn Bort früher tatsächlich einmal in der Lage war, eine Frau aus zwar freien Stücken, aber nicht ganz freiem, weil geilem Willen anzusprechen, fehlte ihm am Ende jene notwendige Eloquenz, in ein profundes Gesprächsthema überzuleiten, wenn er zuvor irgendeine Banalität zum Besten gab, um überhaupt einmal zu eröffnen. Wie beim Schachspiel gelang es ihm nicht, die nötigen Züge zu tun, um zu gewinnen, obwohl er sich am Anfang stets gut schlug, sich sogar im Vorteil wähnte, aber dann aus lauter Ratlosigkeit eine Figur des Gegners nach der anderen weg schlug, bis das Spiel dadurch langweilig wurde, weil er die Situation zum Schluss nicht ausspielen konnte: Der König entwand sich immer wieder seinem Zugriff. Bort ist definitiv kein Fallensteller.

Mit Freunden hingegen gelang ihm die munterste Konversation, einmal angeregt war er kaum zu stoppen, ein Quell origineller Gedanken und Assoziationen. Dem anderen Geschlecht aber, zum Behufe der Partnerwahl, gegenüber versiegte dieser Fundus geistreicher Bonmots augenblicklich, da sich sein vegetatives Nervensystem auf Fluchtmodus einstellte. Hatte er dann auf ganzer Linie versagt und sich niedergeschlagen auf den Heimweg begeben, sprudelte die Quelle wieder und all die guten Dinge, die es zuvor zu sagen galt, wirbelten nutzlos, weil verspätet, in seinem Hirn umher.

Doch diese Frau, sie spricht nun zu ihm. Trotz seiner entfernten Gedanken und Unaufmerksamkeit genießt er ihre Anwesenheit, das weiche Timbre ihrer Stimme dringt in den Emotionen verarbeitenden Teil seiner Hirnwindungen. Daraufhin fühlt sich Bort geborgen. Zwar dämpft der Alkohol seine Wahrnehmung wie einst das Wasser in der Fruchtblase: warm und wohlig war's, das Herz, Blut pumpend pochend und die Außengeräusche waren gefiltert durch die Membran des Mutterbauches, erst nach der Geburt sollte Bort die Schrecken hochfrequenter Töne erfahren, welche den Bässen zwar erst Tiefe gaben, aber Bort ist nun einmal kein Mensch, der Fallhöhen zu schätzen weiß.

Vielleicht gerade weil er zeitlebens diese Mutterbaucherfahrung vermisst hat, sich in machen Zeiten in ihn zurückwünschte und wahrscheinlich deshalb die vaginale Nähe bei B. so intensiv gesucht hat – er wäre am liebsten ganz in ihr verschwunden statt nur mit seinem Teil – verbringt er sein Leben nun in dieser einen Bar, mit ihrem gedämpften Lichtern und Farben und Geräuschen. Er lebt sein Leben auf diesem Barhocker, haust hier, denkt, trinkt, trauert, erinnert.

Wie er B. kennenlernte, oder besser: sie ihn!
Wie sie eben nicht vor ihm zurück schrak, nachdem sie ihn erlebt hatte.

Wie sie eben doch eine Tiefe in ihm ergründen konnte oder sie ihm diese wenigstens nicht absprach.

Wie sie verliebt, vernarrt ineinander, die Kurzwarenabteilung im Kaufhaus durcheinander brachten, nur so zum Spaß.

Wie sie zusammen gezogen sind und auch noch den 100sten Abend lachend miteinander verbrachten.

Wie sie beide ihre Gerüche verströmten und in Leidenschaft sich selbst vergaßen.
Bort bestellt sich und seiner neuen Bekanntschaft noch ein Bier und einen trockenen Sekt. Sie prosten sich zu, stoßen an, und das, obwohl Glas und Flöte arge Feinde sind. Sie trinken auf ihr gemeinsames Wohl. Borts Kopf wird allmählich klarer, er kann nun wieder freihändig sitzen. Seine Hände braucht er nun zum Trinken, Rauchen, Erzählen. Die Zigarette hat er von der Frau. Sie macht ihn unbeschwert und schwebend, und er spricht von sich, von den Dingen, die er tut wenn er nicht von ihnen träumt, und von den Dingen, die er bereut, wenn er sie nicht tut. Sie hört ihm zu, lächelt an den richtigen Stellen – wenn Bort zum Beispiel amüsant wird – und zeigt krause Stirn, wenn Bort philosophisch wird.

Bort war glücklich mit B. Ihre Freunde störten sich vor allem an dieser gewissen Glückseligkeit, welche sich bei Verliebten nun mal einstellte. Obwohl sich die beiden allergrößte Mühe gaben, sich so natürlich wie möglich zu geben. Doch was ist natürlicher als ein Verhalten in Verliebtheit? Ihrer beider, früherer Normalität war schließlich einer neuen gewichen, sie waren verändert, hatten tief in ihrem Inneren versteckte Eigenschaften aus der Isolationshaft entlassen, ihre Persönlichkeiten aus der Eindimensionalität gerettet.

Als sie nicht mehr da war, hat er es zu Hause nicht mehr ausgehalten. In der gemeinsamen Wohnung erinnerte ihn alles an sie. Er hatte sich zunächst nicht getraut, die Bettwäsche zu waschen, weil ihr Duft noch darinnen war, doch gerade der Geruch war es, der ihm so arg zusetzte und seine Sehnsucht nur noch verstärkte. Doch er konnte sie nicht einfach auslöschen. Dann fand er, obwohl ihre persönlichen Dinge alle fort waren, doch immer wieder kleinste Gegenstände:
Unter dem Bett eine Haarspange

Einen ihrer Schlüpfer in der Kommode
Ein von ihr im gemeinsamen Urlaub gekauftes Essbesteck, welches den Weg von der oberen Schublade in die unterste gefunden hatte und sich in einem Emailletopf wiederfand

Eine Schallplatte in seiner Sammlung

Ein Parfümfläschchen unter dem Sofa

Haare in der Bürste

Briefe, Notizen, welche sie ihm im Laufe der Zeit schrieb
Und viele andere kleine Dinge, die großen Schmerz zu verursachen in der Lage sind. Die den Verlust spürbar machen. Er würde diesen Verlust nur überwinden können, wenn er alles hinter sich lassen würde. Deswegen ist er einfach gegangen, um fortan in einer Bar zu leben, in der sie beide niemals zuvor gewesen sind. Doch weil B. selbst dort ständig anwesend war, in seinen Gedanken, trinkt er. Nicht um zu vergessen, auch nicht um den Schmerz zu überwinden. Er weiß einfach nicht, was er sonst tun soll. Er trinkt auf B. und auf sein Leben mit ihr. Das Trinken ist ihm ein Akt reiner Festlichkeit geworden.
Hab' keine Angst, ich bin Dir nah.
Ein Lächeln, zärtlich. Ein Kuss, gehaucht.
Die Bar, an der Decke ein Lichtermeer.
Der Barmann ganz real, ein authentisches Klischee.
Im Licht des Tresens funkelt das Glas der Flaschen.
Im Spiegel dahinter ein verlorener Mensch und der bin ich.
Die Geräusche gedämpft, eine Musik so halbwahr wie der Mond.
Die Tür nach Draußen, eine Verheißung.
Dass jemand kommen kann.
Dass jemand gehen kann.
Gekommen ist jene Frau, mit der Bort nun spricht. Und während sie beide rauchen und erzählen, trinken, hat sie die Knie übereinander geschlagen, den Ellbogen am Tresen abgestellt, ihre Hand hält Zigarette und Kopf zugleich. Er hat immer wieder diesen einen Traum. Ob er ihn ihr erzählen darf. Sie stimmt zu.

In diesem Traum gelingt es mir beinahe zu fliegen. Dieses Gefühl dabei, es scheint mir ganz vertraut, real zu sein. In manch wachem Zustand glaube ich dann, ich könnte das. Doch muss es ein Traum gewesen sein. Wie ich laufe und mit meinen Füßen immer größere Schritte mache, bis ich den Boden fast nur mit den Fußspitzen berühre und aus Schritten Sprünge werden, immer und immer größer. Fast als sei die Schwerkraft vermindert, verlasse ich den Boden zwar nicht ganz, doch verbringe ich nun mehr Zeit in der Luft. Es ist kein Schweben, vielmehr ein schwereloses Hüpfen, ein Gefühl der Leichtigkeit auf schwierigem Gelände. Und wie in einem Traum Gerüche und Geschmäcker vertraut scheinen und ganz real scheinen, kann man sie, zurück in der Realität, jedoch nie eindeutig zuordnen. So will es auch mit dieser Form der Leichtigkeit sein. Ich scheine dies alles tatsächlich schon einmal erlebt zu haben, kenne aber weder das wann und das wo. Kann mich einfach nicht erinnern. Wie ein Astronaut in einem Filmstudio bin ich, im Schutzanzug zwar, doch geknechtet von der irdischen Physik.

Bort stockt. Er kramt sich umständlich eine Zigarette aus der Jackentasche, will sie sich anzünden. Sie sagt: Ich habe auch Träume, Deinen nicht ganz unähnlich. Doch das Feuerzeug entgleitet ihm aus besoffener Hand und fällt zu Boden. Ungeschickt und schwindlig steigt er vom Hocker, kniet, sucht und findet. Er erhebt sich wieder. Verlegen lächelt er die Frau an, während er sich aufrichtet. Doch da ist keine Frau mehr. Er setzt sich auf seinen Hocker und wartet. Bort trinkt aus und bestellt sich ein weiteres Bier, trinkt es mit einem Zug aus, bestellt gleich ein neues, trinkt langsamer. Es kommt niemand mehr. Er bezahlt und tritt zum ersten Mal, seit wie langer Zeit eigentlich, zur Tür hinaus und atmet frische Morgenluft. Bort zieht die Jacke zusammen und geht los, zuerst langsam und dann immer schneller, auf Zehenspitzen in den Tag hinein.